Ernährung und Biodiversität

Wie und was wir anbauen, prägt das Gesicht unserer Landschaften. (Bild: canva)

Welchen Einfluss hat mein Essen auf die biologische Vielfalt?

Die Vielfalt des Lebens auf der Erde – die Biodiversität – ist heute massiv bedroht. In diesem Artikel wollen wir zeigen, was dies mit unserer Ernährung zu tun hat, warum wir Biodiversität brauchen und wie eine zukunftsfähige Landwirtschaft Arten und Lebensräume schützen und sogar fördern kann.

Biodiversität – die Vielfalt des Lebens – setzt sich zusammen aus drei Bereichen: dem Reichtum an Arten, der Vielfalt an Organismen innerhalb einer Art (genetische Vielfalt) und den vielfältigen Ökosystemen mit allen ihren Wechselbeziehungen untereinander. Alle diese Formen der biologischen Vielfalt sind heute durch menschliches Einwirken bedroht.

Hierzulande wird dies besonders deutlich an dem dramatischen Rückgang ehemals weit verbreiteter Tier- und Pflanzenarten. Dazu gehören zahlreiche Wildkräuter, Insekten und Vogelarten, selten gewordene Wildtiere wie das Wisent und ehemals vertraute Kleinsäuger wie Feldhamster, Luchs oder Feldhase. Die Rote Liste gefährdeter Arten in Deutschland führt nur ein Drittel der Säugetiere als ungefährdet. Alle weiteren, über die Daten vorliegen, sind entweder ausgestorben, vom Aussterben bedroht, extrem selten, gefährdet oder stark gefährdet. Dramatischer noch steht es um die Vielfalt an Insekten und Vogelarten. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist die Insektenbiomasse um über 75 Prozent zurückgegangen. In knapp 40 Jahren sind rund 600 Millionen Brutvögel aus Europa verschwunden. Besonders betrifft dies die Vogelarten der Agrarlandschaften, darunter so bekannte Zeitgenossen wie Feldlerche, Rebhuhn und Kiebitz.

Viele Vögel der Agrarlandschaften wie die Feldlerche sind vom Aussterben bedroht. (Bild: canva)

Artenschwund als direkte und indirekte Folge der Landwirtschaft

Der hohe Artenschwund in den Agrar- und Kulturlandschaften hat in Deutschland verschiedene Ursachen: die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft, der Einsatz von Pestiziden, Überdüngung, aber auch das Anlegen großflächiger Monokulturen und die generelle Eintönigkeit der heutigen Agrarlandschaften, denen zumeist naturnahe Lebensräume weichen müssen. 

Neben dem Rückgang an wildlebender Flora und Fauna durch schwindende Lebensräume schrumpft auch die Vielfalt im Anbau. In den vergangenen 100 Jahren sind nach Zahlen der FAO 75 Prozent der Kulturpflanzen des Menschen verloren gegangen – darunter etwa 95 Prozent aller ehemals existierenden Kohl-  und 78 Prozent aller Maissorten. Von allen auf der Erde lebenden Tieren und Pflanzen, die dem Menschen als Nahrungsquelle dienen könnten, wird nur noch ein Bruchteil landwirtschaftlich genutzt: Gerade einmal 12 Pflanzenarten sind die Grundlage für 75 Prozent unserer Nahrungsmittel. Der weltweite Energiebedarf des Menschen deckt sich zu Hälfte allein durch Weizen, Mais und Reis. Aber auch diese wenigen Nutzarten benötigen die Biodiversität des Ökosystems, um zu existieren.

Mais so weit das Auge reicht – Wo Vielfalt fehlt, finden Insekten und Vögel keine Nahrung. (Bild: canva)

Warum ist Biodiversität für uns als Gesellschaft so wichtig? 

Jedes Ökosystem besteht aus einem dynamischen Zusammenspiel aus Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen. Diese biologische Vielfalt mit ihren systemischen Wechselwirkungen bildet die Grundlage für alle Ökosystemdienstleistungen – also jener Nutzen, die unser eigenes Leben erst ermöglichen und bereichern: wie sauberes Wasser, saubere Luft, Bodenbildung, Klimaregulierung, Nahrung, Holz und weitere natürliche Rohstoffe bis hin zu kulturellen Aspekten wie Erholung, Ästhetik und spirituelle Erfüllung. Ein Verlust an biologischer Vielfalt beeinträchtigt unser Leben in vielfältigen Bereichen, wie der Gesundheit und Nahrungssicherheit, materiellem Reichtum und sozialen Verhältnissen.

Global betrachtet trifft der Verlust an Biodiversität die ärmsten Regionen am härtesten: Wo Menschen von kleinbäuerlicher Land- und Weidewirtschaft, Jagd und Fischerei abhängig sind, bedroht die Degradation von Ökosystemen unmittelbar Existenzen. Aber auch in den gemäßigten Klimazonen Europas, wo Böden und Klima relativ stabile Grundlagen bieten, zeichnet der Rückgang an Biodiversität deutliche Spuren. 

Unmittelbare Auswirkungen sieht man bspw. bei zwei der für die landwirtschaftliche Produktion wichtigsten Ökosystemdienstleistungen: der Bestäubung und der Schädlingsbekämpfung durch wildlebende – und heute in ihrer Existenz bedrohte – Arten. 

Wie Artenvielfalt unsere Nahrungssicherheit garantiert

Über 80 Prozent der in der EU angebauten Nutzpflanzen werden von Insekten bestäubt: von Tomaten über Sonnenblumen bis hin zu Weintrauben, Äpfeln und vielen weiteren Agrarpflanzen. Tierbestäubte Kulturpflanzen wie Obst- und Nusspflanzen tragen zu einer vielseitigen und gesunden Ernährung des Menschen bei, da sie essenzielle Mikronährstoffe liefern. Obwohl mittlerweile der Einsatz von domestizierten Honigbienen verbreitet ist, hängt die Bestäubung der Nutzpflanzen auf den Feldern weitgehend von wildlebenden Bestäubern ab, die wiederum Wildblumen in der umgebenden Landschaft als Nahrungsquelle brauchen. Wildlebende Bestäuber wie Schmetterlinge, Motten, Honigbienen, Hummeln, Wespen und Käfer leisten hier einen unverzichtbaren Beitrag. Auch in der biologischen Schädlingsbekämpfung spielen wildlebende Tierarten wie Wespen, Marienkäfer oder Spinnen eine wichtige Rolle und reduzieren die Notwendigkeit, gesundheitsschädliche Pestizide einzusetzen. Ihre „Dienstleistung“ ist nicht zu unterschätzen: Weltweit gehen etwa 30 bis 40 Prozent der Ernteerträge noch vor der Ernte durch Schädlinge verloren. Selbst die seit den 1950er Jahren eingesetzte chemieintensive Landwirtschaft konnte daran nicht signifikant etwas ändern und hat vielfach zu Resistenzentwicklungen bei den Schädlingen und zu einer systematischen Abhängigkeit der Landwirt:innen von synthetischen Pestiziden geführt. Eine umweltfreundlichere Methode, um die Belastung durch Schädlinge einzugrenzen, ist daher, auf deren natürliche Feinde zu setzen.

Um Nützlinge in der Landwirtschaft zu fördern, die solche und weitere Ökosystemdienstleistungen erbringen, braucht es unter anderem kleinstrukturierte Landschaften, die Schutzgebiete mit extensiv genutzten Lebensräumen verbinden.  

Wildbienen sichern das Überleben zahlreicher Blühpflanzen. (Bild: canva)

Landwirtschaft und Artenvielfalt – eine Beziehungsgeschichte

Ohne Landwirtschaft wäre Deutschland fast vollständig mit Wald bedeckt. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich durch landwirtschaftliche Praktiken strukturell vielfältige Agrarlandschaften herausgebildet mit einem charakteristischen Artenreichtum. Streuobstwiesen, Waldweiden, hecken- und baumgesäumte Ackerlandschaften prägten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das Gesicht der hiesigen Kulturlandschaften – und sind in einigen Regionen bis heute zu finden. Ihre vielfältigen Lebensräume trugen stark zur Differenzierung der heimischen Artenvielfalt bei.

Erst mit zunehmender Industrialisierung der Landwirtschaft und steigendem Pestizideinsatz seit den 1950er/60er Jahren wurden extensive landwirtschaftliche Praktiken zugunsten einer intensiven Flächenbewirtschaftung aufgegeben. Jahrtausendealte Kulturlandschaften wie die Offenlandlebensräume verschwinden – und mit ihnen ihr charakteristischer Artenreichtum.

Die extensive und kleinteilige Landwirtschaft der vielen Nischen ist wirtschaftlich nicht mehr wettbewerbsfähig mit der intensiven, ertragsmaximierenden Flächennutzung. Während jedoch der quantitative Nutzen bestimmter Ökosystemdienstleistungen erhöht werden konnte – allem voran der Erträge pro Fläche – zerstören der Schwund an Biodiversität und die negativen Auswirkungen auf die globalen Ökosysteme langfristig die Grundlagen.

Intensiv bewirtschaftete Monokulturflächen prägen das Bild unserer heutigen Landwirtschaft. (Bild: canva)

Wie passen Landwirtschaft und Naturschutz zusammen? 

In der Diskussion um die Frage, wie sich Landwirtschaft und Naturschutz verbinden lassen, findet man zwei gegensätzliche Standpunkte: Auf der einen Seite das Argument, Naturschutz sei mit heutiger Agrarlandschaften nicht mehr vereinbar und müsse jenseits der landwirtschaftlichen Produktion betrieben werden. Diesem Argument folgt meist die Forderung, Schutzräume für die Natur zu vergrößern und die landwirtschaftliche Fläche stärker einzugrenzen (land-sparing). Diese Idee einer strikten Trennung von Landwirtschaft und Naturschutz führt in der Folge dazu, dass die für die Landwirtschaft verbleibenden Flächen umso intensiver und ertragsmaximierender genutzt werden (müssen).  

Als Gegenentwurf dazu fordert der zweite Ansatz eine Integration von Naturschutzmaßnahmen in die bestehende Landwirtschaft (land-sharing). Die Idee ist eine extensiv betriebene Landwirtschaft, die Biodiversität fördert, indem sie wildlebenden Tieren und Pflanzen Lebensräume bietet – etwa durch Blühstreifen, Hecken- und Baumbewuchs an den Ackerrändern oder durch Mischnutzungen von Flächen, sog. Agroforstsysteme. Solche landwirtschaftlichen Flächen benötigen mehr Fläche und erzielen häufig einen geringeren wirtschaftlichen Ertrag, da der landwirtschaftliche Ertrag pro Fläche sinkt. 

Zweifellos sind geschützte Naturräume wichtig und unersetzlich – etwa Form der 16 Nationalparks Deutschlands, die unzerschnittene Lebensräume für viele bedrohte Arten bieten. Gleichwohl ist Naturschutz ohne Einbeziehung der Landwirtschaft heute nicht mehr denkbar. Immerhin wird über die Hälfte der Fläche Deutschlands landwirtschaftlich genutzt. Um auch die Artenvielfalt und Ökosysteme dieser Agrar- und Kulturlandschaften zu schützen, müssen Bewirtschaftung und Nutzung mit Maßnahmen zum Biodiversitäts- und Naturschutz zusammengedacht werden. 

Kleinteilige Landwirtschaft bietet vielfältige Lebensräume und Nischen für wildlebende Arten. (Bild: canva)

Erfolge biodiversitätsfördernder Landwirtschaft 

Wie kann eine Landwirtschaft aussehen, die gesunde Nahrung produziert und das Leben schützt? Einen wichtigen Beitrag leistet die ökologische Landwirtschaft, denn allein durch den Verzicht auf reine Monokultur und den Einsatz chemischer Dünger und Pestizide fallen zwei wesentliche Treiber des menschengemachten Artenschwundes weg. Doch das allein reicht noch nicht aus. Neben der Art und Intensität der Bewirtschaftung ist entscheidend, wie viele unterschiedliche Lebensräume eine Landschaft bietet. Hier gilt: je kleinteiliger desto besser! Betriebe können Artenvielfalt gezielt fördern, indem sie artenreiche Lebensräume auf ihren Flächen schützen. Wie kann das aussehen? 

Beispiele sind Baum- und Heckenstreifen am Rande bewirtschafteter Felder. Sie bieten Schutz vor Wind und Sonne – und damit auch vor Erosion – halten Feuchtigkeit und speichern Kohlenstoff im Boden und bauen fruchtbaren Humus auf. Sie liefern Holz, Futter und Nahrung, wie etwa Nüsse, Obst oder Honig. Für die lokale Artenvielfalt ist ihre Bedeutung nicht zu unterschätzen. Zahlreiche (bedrohte) Tierarten finden hier Lebensraum: So wurden allein in einer einzigen süddeutschen Hecke 900 Arten gezählt.

Denkt man dieses Zusammenwirken von Bäumen, Hecken, Äckern und darin lebenden Tier- und Wildpflanzenarten größer und systemischer, landet man schnell bei den sog. Agroforstsystemen. Sie stehen für ein Zusammenspiel aus Agrarlandschaft und Forst, dessen Ursprünge so alt sind wie die Landwirtschaft selbst. Bis in die Neuzeit umgaben Streuobstwiesen und Obstbaumäcker die Dörfer, auf denen Getreide und andere Feldfrüchte wuchsen. Später wandelte man die Äcker in Wiesen oder Weiden um und erntete neben Obst nun Gräser und Kräuter für das Vieh. Noch bis in die 1940er Jahre waren Streuobstwiesen ein unverzichtbarer Bestandteil in der Nahrungsmittelversorgung.

Streuobstwiesen bewahren seit Jahrhunderten eine Vielfalt an heimischen Kultursorten. (Bild: canva)

Der NABU schätzt, dass die Streuobstbestände in Deutschland seit 1950 um 80 Prozent geschrumpft sind. Damit ist auch ein kostbarer genetischer Schatz bedroht. Denn der Erhalt der Sortenvielfalt – unter anderem von über 4000 heimischen Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Pflaumensorten – hängt überwiegend vom Bestand der hochstämmigen Streuobstwiesen ab, während im intensiven Obstbau nur relativ wenige Sorten kultiviert werden. Die Sortenvielfalt bietet aber nicht nur eine Bandbreite an Aromen, sie hat auch ein Resilienz-Argument auf ihrer Seite: So kann aufgrund der Vielfalt annähernd überall in Deutschland Obst geerntet werden, vom hohen Norden bis in die Hochlagen der Mittelgebirge. 

Anfang 2021 beschloss der Bundestag mit großer Mehrheit, die Agroforstwirtschaft besser zu unterstützen. Zwar bleiben die Fördersummen noch weit hinter effektiven Wirkungen zurück – immerhin aber ist damit der Weg von einer reinen Flächenförderung hin zur verstärkten Förderung gemeinwohlorientierter Leistungen eingeschlagen worden. 

Wir Verbraucher:innen können diesen Weg weiter mittragen, indem wir Lebensmittel bei Produzent:innen einkaufen, die sich Artenschutz-Maßnahmen ins Konzept geschrieben haben und diese in die landwirtschaftliche Produktion einbeziehen. Und indem wir eine Politik einfordern, die kleinteilige und biodiverse landwirtschaftliche Flächen und regenerative Produktionsweisen gegenüber einer reinen Ertragsmaximierung bevorzugt fördert. So gestalten wir gemeinsam eine Landwirtschaft, die ihre eigenen Grundlagen schützt und mit der Lebensvielfalt, in sie eingebettet ist, zugunsten aller zusammenwirkt. 

Der FoodTogether-Ansatz

FoodTogether bringt Verbraucher:innen und Produzent:innen zusammen, um gemeinsam ein zukunftsfähiges Ernährungssystem mitzugestalten und durch nachhaltige Foodprojekte direkten Impact in der Region zu bewirken.

Akteure und Produzent:innen

Kennst du Akteure und Unternehmen, die Biodiversität in der Landwirtschaft fördern? Hier stellen wir euch einige vor:

Ostmost – Säfte aus alten Kultursorten von Streuobstwiesen. 

Heckenretter e. V. – NGO aus Hamburg, die aktiven Naturschutz zum Mitmachen mit der Herstellung von Agroforst-Produkten (Getränke aus heimischen Beeren) verbinden. 

Kornwerk – Getränke aus alten bäuerlichen Hafer- und Soja-Sorten mit dem Ziel geschlossener Kreisläufe. 

TriebwerkExpert:innen für Agroforstsysteme und regenerative Landwirtschaft.

Hof Stolze Kuh – Wesensgemäße Milchviehhaltung auf Naturschutzflächen.

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