Warum unser Ernährungssystem dringend ein Update braucht – und warum das nur zusammen funktioniert. Test

Welche Rolle spielt unsere Ernährung angesichts pluraler globaler Krisen? Und welche Hebel können Produzent:innen, Handel und Verbraucher:innen gemeinsam in Bewegung setzen? Zum Auftakt der FoodTogether-Artikelreihe werfen wir einen Blick auf den Status quo und die Veränderungspotenziale unseres aktuellen Ernährungssystems.

Unser Landwirtschafts- und Ernährungssystem braucht eine Reform, darüber sind sich Politiker:innen, Landwirt:innen und Zivilgesellschaft weitgehend einig. Das Umweltbundesamt konstatiert in einer Studie von 2019, das heutige Ernährungssystem könne man nicht als nachhaltig bezeichnen, da zentrale Nachhaltigkeitsziele kaum oder gar nicht erfüllt werden, denen sich die Bundesregierung verpflichtet hat  – etwa mit Unterzeichnung der Agenda 2030 der UN, dem Pariser Klimaschutzabkommen, aber auch in nationalen Strategieplänen. Zwar würden hier und da einige positive Trends sichtbar. Insgesamt schlecht stehe es aber um den Schutz von Umwelt, Tieren und Gesundheit und „eine Transformation des Ernährungssystems“ sei „dringend geboten“.

Was ist das eigentlich: unser Ernährungssystem? 

Einfach gesagt meinen wir mit Ernährungssystem die Gesamtheit aus Produktion, Verarbeitung und Konsum. Also alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette bzw. den ganzen langen Weg, den ein Lebensmittel von seinem Ursprungsort (z. B. Feld, Garten, Stall, Gewässer) bis in unsere Mägen braucht – falls es dort landet und nicht schon zuvor entsorgt wurde. 

Wir Verbraucher:innen sind ein wichtiger Teil des Ernährungssystems. Genauso wie die Produzent:innen, die Weiterverarbeiter:innen, der Handel. Diese Gesamtheit an Akteuren und Prozessen als System zu betrachten, bietet einen großen Vorteil: die Beziehungen und wechselseitigen Abhängigkeiten werden deutlicher – zwischen den Akteuren und Elementen innerhalb des Systems, aber auch zu weiteren Systemen, in die unser Leben eingebettet ist. 

Wie unser Ernährungssystem unsere Lebensgrundlagen bedroht

Welche Spuren hinterlassen unsere Ernährungsgewohnheiten in der Welt um uns herum? Einige Zahlen geben Aufschluss: Der Agrar- und Nahrungsmittelsektor ist weltweit für ein Viertel aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Eine Studie von 2020 kommt zu dem Schluss, dass allein die Emissionen aus der Nahrungsmittelproduktion – setzen sich die Entwicklungen der vergangenen Jahre fort – ausreichen, um das 1,5-Grad-Ziel zu verfehlen. Um Agrarflächen zu gewinnen, werden weltweit massiv Wälder gerodet: Etwa 75 Prozent der Entwaldungen gehen auf den Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln zurück. Dadurch werden erhebliche Mengen an CO2 freigesetzt, es verschwinden auch Lebensräume und mit ihnen biologische Vielfalt: Rund 70 Prozent der Verluste an Biodiversität gehen auf die globale Landwirtschaft zurück. Gleichzeitig zerstört die intensive industrielle Bewirtschaftung fruchtbare Ackerböden und damit ihre eigene Grundlage für die Produktion von Nahrung. Durch Erosion gehen jährlich mehr als 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Boden verloren. Und mit der Degradation der Böden fallen neben der Lebensmittelproduktion auch weitere lebenswichtige Ökosystemdienstleistungen weg, wie Wasserfiltration, Nährstoffkreisläufe und die Speicherung von CO2 im Boden. 

All dies zusammengenommen gehört unser Ernährungssystem in seiner heutigen Ausprägung zu den größten globalen Bedrohungen für den Erhalt unserer Ökosysteme – und damit letztlich auch unserer eigenen Lebensgrundlagen. Das müsste nicht so sein: Statt der beschriebenen Bedrohungsszenarien ist genauso eine Landwirtschaft möglich – und wird vielerorts lokal heute bereits praktiziert – die Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit und Ressourcen schützt und langfristig erhält. Landwirtschaft und Naturschutz zu verbinden ist keineswegs unmöglich!

Das Ernährungssystem ist ineffizient 

Neben den genannten Umweltschäden ist unser aktuelles Ernährungssystem ineffizient in mehrfacher Hinsicht. Energie- und Stoffkreisläufe sind nicht geschlossen: Es wandern Ressourcen ab, anstatt wieder ins System eingespeist zu werden. Dies zeigt sich beispielhaft an jährlich steigenden Inputs, die auf den Feldern nötig sind, um eine gleichbleibende Ernte zu erwirtschaften. Oder auch an den enormen Lebensmittelverlusten: Ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel wird nicht gegessen, sondern landet irgendwo entlang der Wertschöpfungskette vom Acker bis zum Teller auf dem Müll bzw. verrottet auf den Feldern. Etwa 1,3 Milliarden Tonnen Produkte im Wert von 690 Milliarden Euro gehen weltweit auf dem Weg zwischen Acker und Teller verloren oder werden verschwendet. Allein in Deutschland sind es rund 12 Millionen Lebensmittel, die jedes Jahr im Müll landen – und mit ihnen die Ressourcen, die zu ihrer Herstellung notwendig waren, von Nutzflächen über Wasser, Strom und Diesel bis zur Arbeitskraft. Allein durch verschwendete Lebensmittel emittieren jedes Jahr rund 4,4 Milliarden Tonnen Treibhausgase völlig unnötig in unsere Atmosphäre. Hier liegt ein gewaltiger Hebel zur Ressourceneinsparung, aber auch zur Eindämmung von Treibhausgasemissionen, da ein Großteil der Lebensmittelverluste vermeidbar wären.

Aber auch jenseits der Verschwendung nutzen wir Ressourcen in unserem Ernährungsverhalten ineffizient und heizen damit den Klimawandel weiter an: Auf mehr als der Hälfte der in Deutschland landwirtschaftlich genutzten Flächen wächst heute ausschließlich Tierfutter. Und zwar zu einem äußerst ungünstigen Preis-Leistungs-Verhältnis hinsichtlich Flächen- und Ressourcenverbrauch: Denn um 1 Kalorie Tierfleisch zu gewinnen, wird – abhängig von der Nutztierart – ein Vielfaches an Pflanzenkalorien benötigt. Zugleich wird proteinreiches Futtermittel in großen Mengen nach Deutschland importiert, zum Beispiel Soja aus Brasilien. Für dessen Anbau wiederum ist Fläche nötig, für die nicht selten Wälder gerodet, intakte Ökosysteme zerstört und große Mengen an CO2 freigesetzt werden. Insgesamt gehen fast 70 Prozent aller Treibhausgase in der Lebensmittelproduktion auf tierische Produkte zurück. 

Hier liegt großes Veränderungspotenzial: Angefangen bei einer ressourcensparenden Art der Tierhaltung (z. B. Weidewirtschaft) wie auch einer flächenbezogene und damit auf die natürlichen Ressourcen angepasste Nutztierhaltung und Futtermittelproduktion ließen sich riesige Mengen an Treibhausgasen einsparen und potenziell durch die Anwendung regenerativer Anbaumethoden sogar CO2 aus der Luft im Boden speichern. Außerdem würden zugleich Anbauflächen frei, die anderweitig genutzt werden könnten – etwa zur Gewinnung für Pflanzennahrung für den Menschen oder bspw. als ökologische Schutzflächen. 

Das Ernährungssystem ist intransparent und wirkt wettbewerbsverzerrend 

Unser heutiges Ernährungssystem verschleiert die wahren Kosten (true costs), die für Menschen, Tiere und Umwelt entstehen. Lebensmittel werden allein durch Marktpreise bewertet, externe Kosten oder Nutzen für Klima, Gesundheit, Biodiversität usw. sind darin wenig bis nicht abgebildet; ob Lebensmittel gesund oder nachhaltig erzeugt sind, ob sie Tierwohl berücksichtigen oder den langfristigen Erhalt unserer Lebensgrundlagen, wie Menschen entlang der Wertschöpfungskette bezahlt werden, welche Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe und Entwicklung sie haben, spielt für den wirtschaftlichen Wert des Produkts eine untergeordnete Rolle. Im Gegenteil: Gerade die gesunden und unter fairen und nachhaltigen Bedingungen erzeugten Lebensmittel sind teurer in der Produktion, da sie externe Kosten internalisieren und somit Schäden an Menschen, Tieren und Planeten vermeiden. Im Umkehrschluss haben nicht nachhaltige und ungesunde Lebensmittel oft einen (zu) niedrigen Verkaufspreis, da hier durch die Art und Weise, wie produziert und gehandelt wird, Schäden für Umwelt und Gesundheit externalisiert und damit auf die Gemeinschaft abgewälzt werden.

Unser Hebel als Verbraucher:innen

Was wir wann und wo einkaufen hat eine enorme Auswirkung auf Menschen, Tiere und Ökosysteme und auf unsere eigene Gesundheit. Mit jedem Kauf eines Lebensmittels geben wir den Auftrag, ein Stück Acker zu bestellen, ein Tier aufzuziehen bzw. zu halten und Lebensmittel durch Menschen verarbeiten und transportieren zu lassen. Vor allem können wir beeinflussen, wie dies geschieht und wie Menschen, Tiere und Umwelt bei diesem Prozess, den wir beauftragen, behandelt werden. Selbst kleine Anpassungen unserer Ernährungsgewohnheiten können gesundheitliche Risiken minimieren und in der Summe eine effektive Wirkung auf den Schutz von Klima und natürlichen Ressourcen haben. Denn in allen genannten Problemfeldern des heutigen Ernährungssystems stecken auch die Hebel zur positiven Veränderung. Machen wir Verbraucher:innen gemeinsam mit Landwirt:innen, Weiterverarbeiter:innen, Politik und Wissenschaft unser Ernährungssystem zukunftsfit und sorgen wir kollektiv für eine Ernährung, die regenerativ, klimagerecht, fair und nachhaltig ist! 

Zur Artikelreihe auf FoodTogether

In den kommenden Wochen werden wir einzelne Aspekte, auf die unsere Ernährungskultur einwirkt, genauer unter die Lupe nehmen und uns fragen, wie wir selbst positiven Impact schaffen können.

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