Blogartikel - FoodTogether.de https://www.foodtogether.de/category/blogpost/ Lebensmittel direkt von unseren Partnerhöfen aus regenerativer und biologischer Landwirtschaft. Wed, 06 Nov 2024 19:55:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.7.2 https://www.foodtogether.de/wp-content/uploads/2022/04/cropped-FT-Logo-plane-32x32.png Blogartikel - FoodTogether.de https://www.foodtogether.de/category/blogpost/ 32 32 209009425 Ernährung und Biodiversität https://www.foodtogether.de/ernaehrung-und-biodiversitaet/ https://www.foodtogether.de/ernaehrung-und-biodiversitaet/#respond Sun, 25 Sep 2022 19:21:08 +0000 https://cofood.live-website.com/?p=596 Welchen Einfluss hat mein Essen auf die biologische Vielfalt? Die Vielfalt des Lebens auf der Erde – die Biodiversität – ist heute massiv bedroht. In diesem Artikel wollen wir zeigen, was dies mit unserer Ernährung zu tun hat, warum wir Biodiversität brauchen und wie eine zukunftsfähige Landwirtschaft Arten und Lebensräume schützen und sogar fördern kann. […]

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Welchen Einfluss hat mein Essen auf die biologische Vielfalt?

Die Vielfalt des Lebens auf der Erde – die Biodiversität – ist heute massiv bedroht. In diesem Artikel wollen wir zeigen, was dies mit unserer Ernährung zu tun hat, warum wir Biodiversität brauchen und wie eine zukunftsfähige Landwirtschaft Arten und Lebensräume schützen und sogar fördern kann.

Wie und was wir anbauen, prägt das Gesicht unserer Landschaften.

Biodiversität – die Vielfalt des Lebens – setzt sich zusammen aus drei Bereichen: dem Reichtum an Arten, der Vielfalt an Organismen innerhalb einer Art (genetische Vielfalt) und den vielfältigen Ökosystemen mit allen ihren Wechselbeziehungen untereinander. Alle diese Formen der biologischen Vielfalt sind heute durch menschliches Einwirken bedroht.

Hierzulande wird dies besonders deutlich an dem dramatischen Rückgang ehemals weit verbreiteter Tier- und Pflanzenarten. Dazu gehören zahlreiche Wildkräuter, Insekten und Vogelarten, selten gewordene Wildtiere wie das Wisent und ehemals vertraute Kleinsäuger wie Feldhamster, Luchs oder Feldhase. Die Rote Liste gefährdeter Arten in Deutschland führt nur ein Drittel der Säugetiere als ungefährdet. Alle weiteren, über die Daten vorliegen, sind entweder ausgestorben, vom Aussterben bedroht, extrem selten, gefährdet oder stark gefährdet. Dramatischer noch steht es um die Vielfalt an Insekten und Vogelarten. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist die Insektenbiomasse um über 75 Prozent zurückgegangen. In knapp 40 Jahren sind rund 600 Millionen Brutvögel aus Europa verschwunden. Besonders betrifft dies die Vogelarten der Agrarlandschaften, darunter so bekannte Zeitgenossen wie Feldlerche, Rebhuhn und Kiebitz.

Viele Vögel der Agrarlandschaften wie die Feldlerche sind vom Aussterben bedroht.

Artenschwund als direkte und indirekte Folge der Landwirtschaft

Der hohe Artenschwund in den Agrar- und Kulturlandschaften hat in Deutschland verschiedene Ursachen: die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft, der Einsatz von Pestiziden, Überdüngung, aber auch das Anlegen großflächiger Monokulturen und die generelle Eintönigkeit der heutigen Agrarlandschaften, denen zumeist naturnahe Lebensräume weichen müssen.

Neben dem Rückgang an wildlebender Flora und Fauna durch schwindende Lebensräume schrumpft auch die Vielfalt im Anbau. In den vergangenen 100 Jahren sind nach Zahlen der FAO 75 Prozent der Kulturpflanzen des Menschen verloren gegangen – darunter etwa 95 Prozent aller ehemals existierenden Kohl- und 78 Prozent aller Maissorten. Von allen auf der Erde lebenden Tieren und Pflanzen, die dem Menschen als Nahrungsquelle dienen könnten, wird nur noch ein Bruchteil landwirtschaftlich genutzt: Gerade einmal 12 Pflanzenarten sind die Grundlage für 75 Prozent unserer Nahrungsmittel. Der weltweite Energiebedarf des Menschen deckt sich zu Hälfte allein durch Weizen, Mais und Reis. Aber auch diese wenigen Nutzarten benötigen die Biodiversität des Ökosystems, um zu existieren.

Mais so weit das Auge reicht – Wo Vielfalt fehlt, finden Insekten und Vögel keine Nahrung.

Warum ist Biodiversität für uns als Gesellschaft so wichtig?

Jedes Ökosystem besteht aus einem dynamischen Zusammenspiel aus Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen. Diese biologische Vielfalt mit ihren systemischen Wechselwirkungen bildet die Grundlage für alle Ökosystemdienstleistungen – also jener Nutzen, die unser eigenes Leben erst ermöglichen und bereichern: wie sauberes Wasser, saubere Luft, Bodenbildung, Klimaregulierung, Nahrung, Holz und weitere natürliche Rohstoffe bis hin zu kulturellen Aspekten wie Erholung, Ästhetik und spirituelle Erfüllung. Ein Verlust an biologischer Vielfalt beeinträchtigt unser Leben in vielfältigen Bereichen, wie der Gesundheit und Nahrungssicherheit, materiellem Reichtum und sozialen Verhältnissen.

Global betrachtet trifft der Verlust an Biodiversität die ärmsten Regionen am härtesten: Wo Menschen von kleinbäuerlicher Land- und Weidewirtschaft, Jagd und Fischerei abhängig sind, bedroht die Degradation von Ökosystemen unmittelbar Existenzen. Aber auch in den gemäßigten Klimazonen Europas, wo Böden und Klima relativ stabile Grundlagen bieten, zeichnet der Rückgang an Biodiversität deutliche Spuren.

Unmittelbare Auswirkungen sieht man bspw. bei zwei der für die landwirtschaftliche Produktion wichtigsten Ökosystemdienstleistungen: der Bestäubung und der Schädlingsbekämpfung durch wildlebende – und heute in ihrer Existenz bedrohte – Arten.

Wie Artenvielfalt unsere Nahrungssicherheit garantiert

Über 80 Prozent der in der EU angebauten Nutzpflanzen werden von Insekten bestäubt: von Tomaten über Sonnenblumen bis hin zu Weintrauben, Äpfeln und vielen weiteren Agrarpflanzen. Tierbestäubte Kulturpflanzen wie Obst- und Nusspflanzen tragen zu einer vielseitigen und gesunden Ernährung des Menschen bei, da sie essenzielle Mikronährstoffe liefern. Zwar ist mittlerweile der Einsatz von domestizierten Honigbienen verbreitet. Dennoch hängt die Bestäubung der Nutzpflanzen auf den Feldern weitgehend von wildlebenden Bestäubern ab. Schmetterlinge, Motten, Honigbienen, Hummeln, Wespen und Käfer leisten hier einen unverzichtbaren Beitrag. Die wildlebenden Bestäuber wiederum brauchen Wildblumen in der umgebenden Landschaft als Nahrungsquelle.

Auch in der biologischen Schädlingsbekämpfung spielen wildlebende Tierarten wie Wespen, Marienkäfer oder Spinnen eine wichtige Rolle. Wo sie Schädlinge fressen, können weniger gesundheitsschädliche Pestizide zum Einsatz kommen. Ihre „Dienstleistung“ ist nicht zu unterschätzen: Weltweit gehen etwa 30 bis 40 Prozent der Ernteerträge noch vor der Ernte durch Schädlinge verloren. Selbst die seit den 1950er Jahren eingesetzte chemieintensive Landwirtschaft konnte daran nicht signifikant etwas ändern. Stattdessen hat sie vielfach zu Resistenzentwicklungen bei den Schädlingen und zu einer systematischen Abhängigkeit der Landwirt:innen von synthetischen Pestiziden geführt. Eine umweltfreundlichere Methode, um die Belastung durch Schädlinge einzugrenzen, ist daher, auf deren natürliche Feinde zu setzen.

Wie können wir also Nützlinge in der Landwirtschaft fördern, die solche und weitere Ökosystemdienstleistungen erbringen? Unter anderem braucht es dazu kleinstrukturierte Landschaften, die Schutzgebiete mit extensiv genutzten Lebensräumen verbinden.

Wildbienen sichern das Überleben zahlreicher Blühpflanzen.

Landwirtschaft und Artenvielfalt – eine Beziehungsgeschichte

Ohne Landwirtschaft wäre Deutschland fast vollständig mit Wald bedeckt. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich durch landwirtschaftliche Praktiken strukturell vielfältige Agrarlandschaften herausgebildet mit einem charakteristischen Artenreichtum. Streuobstwiesen, Waldweiden, hecken- und baumgesäumte Ackerlandschaften prägten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das Gesicht der hiesigen Kulturlandschaften – und sind in einigen Regionen bis heute zu finden. Ihre vielfältigen Lebensräume trugen stark zur Differenzierung der heimischen Artenvielfalt bei.

Erst mit zunehmender Industrialisierung der Landwirtschaft und steigendem Pestizideinsatz seit den 1950er/60er Jahren wurden extensive landwirtschaftliche Praktiken zugunsten einer intensiven Flächenbewirtschaftung aufgegeben. Jahrtausendealte Kulturlandschaften wie die Offenlandlebensräume verschwinden – und mit ihnen ihr charakteristischer Artenreichtum.

Die extensive und kleinteilige Landwirtschaft der vielen Nischen ist wirtschaftlich nicht mehr wettbewerbsfähig mit der intensiven, ertragsmaximierenden Flächennutzung. Während jedoch der quantitative Nutzen bestimmter Ökosystemdienstleistungen erhöht werden konnte – allem voran der Erträge pro Fläche – zerstören der Schwund an Biodiversität und die negativen Auswirkungen auf die globalen Ökosysteme langfristig die Grundlagen.

Intensiv bewirtschaftete Monokulturflächen prägen das Bild unserer heutigen Landwirtschaft.

Wie passen Landwirtschaft und Naturschutz zusammen?

In der Diskussion um die Frage, wie sich Landwirtschaft und Naturschutz verbinden lassen, findet man zwei gegensätzliche Standpunkte: Auf der einen Seite das Argument, Naturschutz sei mit heutiger Agrarlandschaften nicht mehr vereinbar und müsse jenseits der landwirtschaftlichen Produktion betrieben werden. Diesem Argument folgt meist die Forderung, Schutzräume für die Natur zu vergrößern und die landwirtschaftliche Fläche stärker einzugrenzen (land-sparing). Diese Idee einer strikten Trennung von Landwirtschaft und Naturschutz führt in der Folge dazu, dass die für die Landwirtschaft verbleibenden Flächen umso intensiver und ertragsmaximierender genutzt werden (müssen).

Als Gegenentwurf dazu fordert der zweite Ansatz eine Integration von Naturschutzmaßnahmen in die bestehende Landwirtschaft (land-sharing). Die Idee ist eine extensiv betriebene Landwirtschaft, die Biodiversität fördert, indem sie wildlebenden Tieren und Pflanzen Lebensräume bietet – etwa durch Blühstreifen, Hecken- und Baumbewuchs an den Ackerrändern oder durch Mischnutzungen von Flächen, sog. Agroforstsysteme. Solche landwirtschaftlichen Flächen benötigen mehr Fläche. Da der landwirtschaftliche Ertrag pro Fläche sinkt, erzielen sie häufig einen geringeren wirtschaftlichen Ertrag.

Zweifellos sind geschützte Naturräume wichtig und unersetzlich – etwa Form der 16 Nationalparks Deutschlands, die unzerschnittene Lebensräume für viele bedrohte Arten bieten. Gleichwohl ist Naturschutz ohne Einbeziehung der Landwirtschaft heute nicht mehr denkbar. Immerhin wird über die Hälfte der Fläche Deutschlands landwirtschaftlich genutzt. Um auch die Artenvielfalt und Ökosysteme dieser Agrar- und Kulturlandschaften zu schützen, müssen Bewirtschaftung und Nutzung mit Maßnahmen zum Biodiversitäts- und Naturschutz zusammengedacht werden.

Kleinteilige Landwirtschaft bietet vielfältige Lebensräume und Nischen für wildlebende Arten.

Erfolge biodiversitätsfördernder Landwirtschaft

Wie kann eine Landwirtschaft aussehen, die gesunde Nahrung produziert und das Leben schützt? Einen wichtigen Beitrag leistet die ökologische Landwirtschaft. Denn allein durch den Verzicht auf reine Monokultur und den Einsatz chemischer Dünger und Pestizide fallen zwei wesentliche Treiber des menschengemachten Artenschwundes weg. Doch das allein reicht noch nicht aus. Neben der Art und Intensität der Bewirtschaftung ist entscheidend, wie viele unterschiedliche Lebensräume eine Landschaft bietet. Hier gilt: je kleinteiliger desto besser! Betriebe können Artenvielfalt gezielt fördern, indem sie artenreiche Lebensräume auf ihren Flächen schützen. Wie kann das aussehen?

Beispiele sind Baum- und Heckenstreifen am Rande bewirtschafteter Felder. Sie bieten Schutz vor Wind und Sonne – und damit auch vor Erosion – halten Feuchtigkeit und speichern Kohlenstoff im Boden und bauen fruchtbaren Humus auf. Sie liefern Holz, Futter und Nahrung, wie etwa Nüsse, Obst oder Honig. Für die lokale Artenvielfalt ist ihre Bedeutung nicht zu unterschätzen. Zahlreiche (bedrohte) Tierarten finden hier Lebensraum: So wurden allein in einer einzigen süddeutschen Hecke 900 Arten gezählt.

Denkt man dieses Zusammenwirken von Bäumen, Hecken, Äckern und darin lebenden Tier- und Wildpflanzenarten größer und systemischer, landet man schnell bei den sog. Agroforstsystemen. Sie stehen für ein Zusammenspiel aus Agrarlandschaft und Forst, dessen Ursprünge so alt sind wie die Landwirtschaft selbst. Bis in die Neuzeit umgaben Streuobstwiesen und Obstbaumäcker die Dörfer, auf denen Getreide und andere Feldfrüchte wuchsen. Später wandelte man die Äcker in Wiesen oder Weiden um und erntete neben Obst nun Gräser und Kräuter für das Vieh. Noch bis in die 1940er Jahre waren Streuobstwiesen ein unverzichtbarer Bestandteil in der Nahrungsmittelversorgung.

Streuobstwiesen bewahren seit Jahrhunderten eine Vielfalt an heimischen Kultursorten.

Agroforstsysteme für den Wandel

Der NABU schätzt, dass die Streuobstbestände in Deutschland seit 1950 um 80 Prozent geschrumpft sind. Damit ist auch ein kostbarer genetischer Schatz bedroht. Denn der Erhalt der Sortenvielfalt – unter anderem von über 4000 heimischen Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Pflaumensorten – hängt überwiegend vom Bestand der hochstämmigen Streuobstwiesen ab. Im intensiven Obstbau werden dagegen nur relativ wenige Sorten kultiviert. Die Sortenvielfalt bietet aber nicht nur eine Bandbreite an Aromen, sie hat auch ein Resilienz-Argument auf ihrer Seite: So kann aufgrund der Vielfalt annähernd überall in Deutschland Obst geerntet werden, vom hohen Norden bis in die Hochlagen der Mittelgebirge.

Anfang 2021 beschloss der Bundestag mit großer Mehrheit, die Agroforstwirtschaft besser zu unterstützen. Zwar bleiben die Fördersummen noch weit hinter effektiven Wirkungen zurück. Immerhin aber ist damit der Weg von einer reinen Flächenförderung hin zur verstärkten Förderung gemeinwohlorientierter Leistungen geebnet.

Wir Verbraucher:innen können diesen Weg weiter mittragen. Und zwar indem wir Lebensmittel bei Produzent:innen einkaufen, die sich Artenschutz-Maßnahmen ins Konzept geschrieben haben und diese in die landwirtschaftliche Produktion einbeziehen. Und indem wir eine Politik einfordern, die kleinteilige und biodiverse landwirtschaftliche Flächen und regenerative Produktionsweisen gegenüber einer reinen Ertragsmaximierung bevorzugt fördert. So gestalten wir gemeinsam eine Landwirtschaft, die ihre eigenen Grundlagen schützt und mit der Lebensvielfalt, in sie eingebettet ist, zugunsten aller zusammenwirkt.

Der FoodTogether-Ansatz

FoodTogether bringt Verbraucher:innen und Produzent:innen zusammen, um gemeinsam ein zukunftsfähiges Ernährungssystem mitzugestalten und durch nachhaltige Foodprojekte direkten Impact in der Region zu bewirken.

Akteure und Produzent:innen

Kennst du Akteure und Unternehmen, die Biodiversität in der Landwirtschaft fördern?
Hier stellen wir euch einige vor:

  • Ostmost – Säfte aus alten Kultursorten von Streuobstwiesen.
  • Heckenretter e. V. – NGO aus Hamburg, die aktiven Naturschutz zum Mitmachen mit der Herstellung von Agroforst-Produkten (Getränke aus heimischen Beeren) verbinden.
  • Kornwerk – Getränke aus alten bäuerlichen Hafer- und Soja-Sorten mit dem Ziel geschlossener Kreisläufe.
  • Triebwerk – Expert:innen für Agroforstsysteme und regenerative Landwirtschaft.
  • Hof Stolze Kuh – Wesensgemäße Milchviehhaltung auf Naturschutzflächen.

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Update Ernährungssystem https://www.foodtogether.de/update-ernaehrungssystem/ Sat, 23 Apr 2022 12:16:12 +0000 https://cofood.live-website.com/?p=80 Welche Rolle spielt unsere Ernährung angesichts pluraler globaler Krisen? Und welche Hebel können Produzent:innen, Handel und Verbraucher:innen gemeinsam in Bewegung setzen?

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Warum unser Ernährungssystem dringend ein Update braucht – und warum das nur gemeinsam funktioniert

Welche Rolle spielt unsere Ernährung angesichts pluraler globaler Krisen? Und welche Hebel können Produzent:innen, Handel und Verbraucher:innen gemeinsam in Bewegung setzen?

Unsere Böden sind unsere Zukunft.

Unser Landwirtschafts- und Ernährungssystem braucht eine Reform, darüber sind sich Politiker:innen, Landwirt:innen und Zivilgesellschaft weitgehend einig. Das Umweltbundesamt konstatiert in einer Studie von 2019, das heutige Ernährungssystem könne man nicht als nachhaltig bezeichnen, da es zentrale Nachhaltigkeitsziele kaum oder gar nicht erfüllt. Diesen Nachhaltigkeitszielen hat sich die Bundesregierung jedoch verpflichtet  – etwa mit Unterzeichnung der Agenda 2030 der UN, dem Pariser Klimaschutzabkommen oder auch in nationalen Strategieplänen. Zwar würden hier und da einige positive Trends sichtbar. Insgesamt schlecht stehe es aber um den Schutz von Umwelt, Tieren und Gesundheit und „eine Transformation des Ernährungssystems“ sei „dringend geboten“.

Was ist das eigentlich: unser Ernährungssystem? 

Einfach gesagt meinen wir mit Ernährungssystem die Gesamtheit aus Produktion, Verarbeitung und Konsum. Also alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette bzw. den ganzen langen Weg, den ein Lebensmittel von seinem Ursprungsort (bspw. Feld, Garten, Stall, Gewässer) bis in unsere Mägen braucht – falls es dort landet und nicht schon zuvor entsorgt wurde. 

Wir Verbraucher:innen sind ein wichtiger Teil des Ernährungssystems. Genauso wie die Produzent:innen, die Weiterverarbeiter:innen, der Handel. Diese Gesamtheit an Akteuren und Prozessen als System zu betrachten, bietet einen großen Vorteil: Die Beziehungen und wechselseitigen Abhängigkeiten werden deutlicher – zwischen den Akteuren und Elementen innerhalb des Systems, aber auch zu weiteren Systemen, in die unser Leben eingebettet ist. 

Wie unser Ernährungssystem unsere Lebensgrundlagen bedroht

Welche Spuren hinterlassen unsere Ernährungsgewohnheiten in der Welt um uns herum? Einige Zahlen geben Aufschluss: Der Agrar- und Nahrungsmittelsektor ist weltweit für ein Viertel aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Eine Studie von 2020 kommt zu dem Schluss, dass allein die Emissionen aus der Nahrungsmittelproduktion – setzen sich die Entwicklungen der vergangenen Jahre fort – ausreichen, um das 1,5-Grad-Ziel zu verfehlen. Um Agrarflächen zu gewinnen, lassen wir weltweit massiv Wälder roden: Etwa 75 Prozent der Entwaldung dient dem Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln. Dadurch gelangen erhebliche Mengen an CO2 in die Luft. Es verschwinden Lebensräume und mit ihnen biologische Vielfalt. Rund 70 Prozent der Verluste an Biodiversität gehen auf die globale Landwirtschaft zurück.

Gleichzeitig zerstört die intensive industrielle Bewirtschaftung fruchtbare Ackerböden und damit ihre eigene Grundlage für die Produktion von Nahrung. Durch Erosion gehen jährlich mehr als 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Boden verloren. Und mit der Degradation der Böden fallen neben der Lebensmittelproduktion auch weitere lebenswichtige Ökosystemdienstleistungen weg, wie Wasserfiltration, Nährstoffkreisläufe und die Speicherung von CO2 im Boden. 

All dies zusammengenommen gehört unser Ernährungssystem in seiner heutigen Ausprägung zu den größten globalen Bedrohungen für den Erhalt unserer Ökosysteme. Es bedroht letztlich auch unsere eigenen Lebensgrundlagen. Das müsste nicht so sein: Statt der beschriebenen Bedrohungsszenarien ist genauso eine Landwirtschaft möglich – und findet vielerorts lokal heute bereits statt – die Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit und Ressourcen schützt und langfristig erhält. Landwirtschaft und Naturschutz zu verbinden ist keineswegs unmöglich!

Das Ernährungssystem ist ineffizient 

Neben den genannten Umweltschäden ist unser aktuelles Ernährungssystem ineffizient in mehrfacher Hinsicht. Energie- und Stoffkreisläufe sind nicht geschlossen: Es wandern Ressourcen ab, anstatt wieder ins System einzufließen. Dies zeigt sich beispielhaft an jährlich steigenden Inputs, die auf den Feldern nötig sind, um eine gleichbleibende Ernte zu erwirtschaften. Oder auch an den enormen Lebensmittelverlusten: Weltweit wird ein Drittel aller Lebensmittel für die sprichwörtliche Tonne produziert! Statt in unseren Mägen landen diese Nahrungsmittel irgendwo entlang der Wertschöpfungskette vom Acker bis zum Teller auf dem Müll bzw. verrotten auf den Feldern.

Etwa 1,3 Milliarden Tonnen Produkte im Wert von 690 Milliarden Euro gehen weltweit auf dem Weg zwischen Acker und Teller verloren. Allein in Deutschland sind es rund 12 Millionen Lebensmittel, die jedes Jahr im Müll landen. Und mit ihnen vergeudet werden auch die Ressourcen, die zu ihrer Herstellung notwendig waren, von Nutzflächen über Wasser, Strom und Diesel bis zur Arbeitskraft. Allein durch verschwendete Lebensmittel emittieren jedes Jahr rund 4,4 Milliarden Tonnen Treibhausgase völlig unnötig in unsere Atmosphäre. Hier liegt ein gewaltiger Hebel zur Ressourceneinsparung, aber auch zur Eindämmung von Treibhausgasemissionen. Denn ein Großteil der Lebensmittelverluste wären vermeidbar.

Das Ernährungssystem verbraucht zu viel Fläche

Auch jenseits der Verschwendung nutzen wir Ressourcen in unserem Ernährungsverhalten ineffizient – und heizen damit den Klimawandel weiter an: Auf mehr als der Hälfte der in Deutschland landwirtschaftlich genutzten Flächen wächst heute ausschließlich Tierfutter. Das Preis-Leistungs-Verhältnis hinsichtlich Flächen- und Ressourcenverbrauch ist dabei überaus ungünstig. Denn um 1 Kalorie Tierfleisch zu gewinnen, braucht es – abhängig von der Nutztierart – ein Vielfaches an Pflanzenkalorien. Zusätzlich importieren wir proteinreiches Futtermittel in großen Mengen nach Deutschland, zum Beispiel Soja aus Brasilien. Nicht selten wachsen diese Futtermittel auf gerodeten Flächen, denen zuvor intakte Ökosysteme weichen mussten. Auch hier gelangen riesige Mengen an CO2 in die Atmosphäre. Insgesamt gehen fast 70 Prozent aller Treibhausgase in der Lebensmittelproduktion auf tierische Produkte zurück. 

Hier liegt großes Veränderungspotenzial: Angefangen bei einer ressourcensparenden Art der Tierhaltung (z. B. Weidewirtschaft) wie auch einer flächenbezogenen und damit auf die natürlichen Ressourcen angepassten Nutztierhaltung und Futtermittelproduktion ließen sich riesige Mengen an Treibhausgasen einsparen. Kämen dann noch regenerative Anbaumethoden hinzu, ließen sich sogar CO2 aus der Luft im Boden speichern. Außerdem würden Anbauflächen frei, die anderweitig genutzt werden könnten. Beispielsweise könnten hier Pflanzen zur Ernährung von Menschen wachsen oder ökologische Schutzflächen entstehen. 

Das Ernährungssystem ist intransparent und wirkt wettbewerbsverzerrend 

Unser heutiges Ernährungssystem verschleiert die wahren Kosten (true costs), die für Menschen, Tiere und Umwelt entstehen. Und das geht so: Lebensmittel werden allein durch Marktpreise bewertet. Externe Kosten oder Nutzen für Klima, Gesundheit, Biodiversität usw. sind darin wenig bis nicht abgebildet. Ob Lebensmittel gesund oder nachhaltig erzeugt sind, ob sie Tierwohl berücksichtigen oder den langfristigen Erhalt unserer Lebensgrundlagen spielt für den wirtschaftlichen Wert des Produkts eine untergeordnete Rolle. Auch berücksichtigt der Markt nicht die sozialen Kosten, etwa wie Menschen entlang der Wertschöpfungskette entlohnt wurden oder welche Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe und Entwicklung sie haben.

Im Gegenteil: Gerade die gesunden und unter fairen und nachhaltigen Bedingungen erzeugten Lebensmittel sind teurer in der Produktion. Und zwar weil sie die externen Kosten mit einbeziehen und Schäden an Menschen, Tieren und Planeten eher vermeiden. Im Umkehrschluss haben nicht nachhaltige und ungesunde Lebensmittel oft einen (viel zu) niedrigen Verkaufspreis. Denn die Art und Weise, wie hier produziert und gehandelt wird, verursacht Schäden an Umwelt und Gesundheit. Diese Kosten werden externalisiert, also auf die Gemeinschaft abgewälzt. Wir zahlen alle drauf.

Unsere Hebel als Verbraucher:innen

Was wir wann und wo einkaufen hat eine enorme Auswirkung auf Menschen, Tiere und Ökosysteme und auf unsere eigene Gesundheit. Mit jedem Kauf eines Lebensmittels geben wir den Auftrag, ein Stück Acker zu bestellen, ein Tier aufzuziehen bzw. zu halten und Lebensmittel durch Menschen verarbeiten und transportieren zu lassen. Vor allem können wir beeinflussen, wie dies geschieht und wie Menschen, Tiere und Umwelt bei diesem Prozess, den wir beauftragen, behandelt werden. Selbst kleine Anpassungen unserer Ernährungsgewohnheiten können gesundheitliche Risiken minimieren. In der Summe haben sie eine effektive Wirkung auf den Schutz von Klima und natürlichen Ressourcen. Denn in allen genannten Problemfeldern des heutigen Ernährungssystems stecken auch die Hebel zur positiven Veränderung. Machen wir Verbraucher:innen gemeinsam mit Landwirt:innen, Weiterverarbeiter:innen, Politik und Wissenschaft unser Ernährungssystem zukunftsfit und sorgen wir kollektiv für eine Ernährung, die regenerativ, klimagerecht, fair und nachhaltig ist! 

Unser FoodTogether-Ansatz

Vielfalt auf dem Acker bringt Vielfalt auf unseren Tellern: Wir fördern die Lebensmittelvielfalt und bringen mit unseren Partnern die Sortenvielfalt zurück auf den Acker und unsere Teller.

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